Die Schachthöhle am Halserspitz

Geheimnis in den Blaubergen

Erkundung einer Schachthöhle am Halserspitz

Von Wildbad Kreuth geht man auf der Forststraße durch die Langenau zur verfallenen Bayerbachalm. Man folgt dem Pfad in Richtung Gufferthütte bis zur Bayerischen Wildalm. Von dort geht es über und durch (!) die latschenbedeckten Geröllkare und Südabstürze der Halserspitze nach Norden aufsteigend zu der westlichen Rinne, die durch die markanten Platten des Gipfelaufbaus gebildet wird. Vom Wandfuß sind es noch weitere 35 Höhenmeter im griffigen Fels mit Schwierigkeitsstufe 1-2, bis vor einer Felsstufe der unscheinbare Eingang zu einer Höhle sichtbar wird. So lautet im allgemeinen die Wegbeschreibung zum Halserspitzschacht in den Blaubergen.

Die Schachtöffnung wurde vor dem letzten Krieg bei einer Klettertour durch Herrn Solleder entdeckt. Er hatte den Verein für Höhlenkunde in München e.V. auf einen Schacht in den Halserspitzplatten aufmerksam gemacht, nachdem er ihn bei einer Klettertour durch Zufall gefunden hatte. Nach einer Seillänge von 40 m habe er einen Absatz erreicht und von hier gehe es weiter in unbekannte Tiefe.
Dieser Hinweis veranlaßt 1957 den Höhlenforscher Adolf Triller, die Höhle aufzusuchen. Er findet einen Schneepfropf in 3 m Tiefe, das Lot erreicht bei 8 m den ersten Absatz, nach 24 m den zweiten. Senkrecht geht es anscheinend nicht weiter.

Befahren will er den Schacht alleine nicht. Deshalb macht er sich am 19. und 20. Oktober erneut auf den Weg, diesmal gemeinsam mit seinen Kameraden Bernhard Spieß und Peter Vierlinger. Ihnen gelingt es, mit Hilfe von Strickleitern bis in eine Tiefe von 23 m vorzudringen. Nach dem üblichen anstrengenden Anmarsch stehen sie unvermittelt vor dem Schachteingang. Vom Schneestöpsel keine Spur mehr, in voller Breite von 2 - 3 m führt der Schlund in die Tiefe. Gegen 19 Uhr seilen sie sich ab bis zu einer schuttbedeckten Plattform in etwa 10 m Tiefe. Auf der gegenüberliegenden Seite führt der nun etwas engere Schacht weiter nach unten und genau darüber öffnet sich ein Deckenschlot von mindestens
10 m Höhe. Über eine Leiter steigen sie hinunter und finden, nachdem sie am tiefsten Punkt der Kammer den Boden untersucht und etwas ausgeräumt haben, eine kleine Öffnung. Steine poltern nach unten. Sie versuchen, das enge Loch zu erweitern. Eine verklemmte Latschenwurzel und die Nadeln an den Wänden stimmen sie nachdenklich. Plötzlich setzt ein leichter tagwärtiger Luftzug ein. Der schwache Dunst fängt an, lebendig zu werden, vielleicht hat auch das Tropfen zugenommen. Senkrecht über ihnen der Schacht mit seinen vom Wasser ausgelaugten Wänden, mit seinem spitz ovalen Querschnitt einer Bergspalte ähnelnd. Das Loch ist groß genug, sie loten 15 m Tiefe. Vierlinger steigt weiter nach unten, wieder ein Versturz. Er legt eine Spalte frei, kann noch einige Meter eindringen, dann wird es zu eng. Ein Stein verrät, dort unten steht das Wasser. In den untersten Schachtraum zurückgekehrt, umhüllt ihn dichter Nebel. Wahrscheinlich war die Luft mit Wasserdampf gesättigt und die Feuchtigkeit der ausgeatmeten Luft genügte, um die Kondensation auszulösen. Der erwähnte Luftzug hört bald auf, wahrscheinlich war es nur die aufsteigende von den Höhlenforschern erwärmte Luft. Als endlich wieder alle drei auf der Plattform stehen, wird der Deckenschlot über dem Schacht lebendig, Wasser sprüht über den Fels und hätte sie eigentlich völlig durchnässen müssen. Aber die Plattform bleibt trocken, denn selt samerweise kommt kein Wasser aus dem ersten Schachtabschnitt, welcher dort direkt ins Freie führt. Erst 42 Jahre später, im September 1999 sucht Stefan Bunk mit Kameraden die Höhle erneut auf, wobei sie siebis zum jetzigen Endpunkt befahren und vermessen wurde. Von dem im Bericht von 1957 gesetzten Felshaken fand sich keine Spur. A. Wolf berichtet: "Stefan seilte sich über die Schachtkante weiter ab und kurz darauf die enttäuschende Mitteilung, dass der Schacht zu Ende sei und keine Fortsetzungen vorhanden sind. Unten angekommen, kommen mir die ersten Zweifel, ob wir in der richtigen Höhle sind. Die Unterlagen und Skizzen der Altvorderen werden hervorgeholt, aber wir standen eindeutig auf dem Boden des zweiten Schachtes. Die beschriebene Fortsetzung nach Norden in tiefere Teile war durch splittriges Blockwerk verlegt und verfüllt worden, wie wir bedauerlicherweise feststellen mussten. Wir versuchten noch zu graben, aber der Boden war mit dem splittrigen und in sich stark verkeilenden Material zu stark verfestigt. Eingeklemmte Äste und Latschenwurzeln, sowie Nadeln und Humusteile an den Wänden zeugten von diversen Hochwasserereignissen. Die Wassermassen sammelten sich in der Rinne auf der Südseite der Halserspitze oberhalb des Einganges, stürzen in den Schacht hinab und verfestigen durch den Aufprall bzw. Rückstau die mitgerissenen Gerölle. Auch der 1957 beobachtete Felsblock wurde bei unserer Befahrung nicht mehr vorgefunden."

Die genaue Beschreibung des Halserspitzschachts hat Andreas Wolf in der Zeitschrift der Münchener Höhlernforscher "Der Schlaz 89" (1999) veröffentlicht.